Datensouveränität und vollständige Kundenkontrolle
Die Einführung von künstlicher Intelligenz in Schweizer Unternehmen und Behörden scheitert oft nicht an der technischen Machbarkeit, sondern an der grundlegenden Frage der Datenhoheit. Wer kontrolliert die Informationen, wenn sie in Vektoren umgewandelt werden? Wo werden die Prompts verarbeitet? Und wie wird verhindert, dass strategisches Wissen in den undurchsichtigen Trainingsdaten globaler KI-Modelle aufgeht? In einer Zeit, in der Daten als strategisches Kapital gelten, ist die Souveränität über diese Ressourcen eine zwingende Voraussetzung für die digitale Handlungsfähigkeit.
Der Swiss AI Hub adressiert diese Risiken durch ein Architekturdesign, das konsequent auf dem Prinzip der strikten Datensouveränität basiert. Dieses Kapitel legt dar, wie Organisationen die uneingeschränkte Hoheit über Speicherort, Zugriffsrechte und Informationsflüsse wahren – unabhängig davon, ob die Plattform im eigenen Rechenzentrum, in einer Private Cloud oder als verwaltete Instanz in der Schweiz betrieben wird.
Auf einen Blick
- Garantierte Datenresidenz: Durch flexible Hosting-Modelle wie On-Premise oder Schweizer Private Cloud verbleiben sämtliche persistierten Daten physisch im Hoheitsgebiet der Schweiz.
- Harte Isolation durch Multi-Instancing: Die Architektur ermöglicht physisch getrennte Instanzen («Shared Nothing»), um Datenlecks zwischen verschiedenen Organisationseinheiten technisch auszuschliessen.
- Strategische Modell-Agnostik: Das integrierte LLM-Gateway entkoppelt die Anwendung von den Providern und verhindert so einen Vendor-Lock-in bei globalen Hyperscalern.
- Schutz durch Invisibility: Ein granulares, hierarchisches Berechtigungssystem blendet nicht autorisierte Funktionen und Agenten-Profile dynamisch aus, was die Angriffsfläche minimiert.
- Compliance-Automatisierung: Integrierte Mechanismen für PII-Maskierung und tiefe Observability erfüllen die strengen Anforderungen des revDSG und der DSGVO bereits im Standard.
Physische Datenhoheit und flexible Infrastruktur
Geschäftlicher Nutzen
Für regulierte Industrien, das Gesundheitswesen und die öffentliche Verwaltung ist der physische Standort der Daten eine nicht verhandelbare Compliance-Vorgabe. Die Nutzung öffentlicher SaaS-Angebote scheidet oft aus, da die Datenhoheit faktisch an den Anbieter abgetreten wird und die Datenflüsse ins Ausland kaum kontrollierbar sind. Organisationen benötigen die Gewissheit, dass sensible Unternehmensdaten den definierten Rechtsraum niemals verlassen. Gleichzeitig darf diese Sicherheit nicht zu Lasten der Agilität gehen; die IT benötigt eine Lösung, die sich nahtlos in bestehende Umgebungen integriert, sei es in einem Hochsicherheits-Rechenzentrum oder einer verwalteten Schweizer Cloud.
Konzeptioneller Ansatz
Der Swiss AI Hub verfolgt den Ansatz «Bring Your Own Infrastructure». Die Plattform wird als containerisierte Software-Lösung bereitgestellt, die vollständig innerhalb der kontrollierten Umgebung des Mandanten operiert. Dabei wird strikt zwischen Multi-Tenancy (logische Trennung innerhalb einer Instanz) und Multi-Instancing (physische Trennung) unterschieden.
Für Szenarien mit extrem hohen Sicherheitsanforderungen, wie etwa der Trennung zwischen einem Versicherungsbetrieb und dessen medizinischem Dienst, kommt das Multi-Instancing zum Tragen. Hierbei erhält jede Einheit eine eigene, autarke Infrastruktur mit dedizierten Datenbanken und Diensten. Ein Datenabfluss ist somit nicht nur durch Software-Logik, sondern durch physische Trennung unterbunden. Ergänzend ermöglicht das Modell des Air-Gapped-Betriebs eine Installation ohne jegliche Internetverbindung, wobei lokale Modelle die externe Kommunikation vollständig ersetzen.
Technische Umsetzung im Swiss AI Hub
Die technische Basis bildet ein Set von Docker-Containern, die eine klare Segmentierung durch eine «Docker Network Isolation» in fünf Zonen (Proxy, Backend, Data, Storage, Egress) erzwingen. Dies verhindert, dass ein kompromittierter Dienst direkten Zugriff auf die Datenbanken erhält. Die Datenhaltung ist lokalisiert: Relationale Unternehmensdaten liegen in PostgreSQL, Vektoreinbettungen für die semantische Suche in Milvus und Dokumente in S3-kompatiblen Speichern wie SeaweedFS.
Sogar bei der Nutzung von Cloud-Modellen bleibt die Souveränität gewahrt, da das LLM-Gateway (LiteLLM) zustandslos arbeitet und keine Prompts oder Antworten persistiert. Für den vollständig autonomen Betrieb können lokale Inferenz-Server wie vLLM oder llama.cpp eingebunden werden, die Open-Source-Modelle direkt auf eigener Hardware ausführen.
Granulare Zugriffskontrolle und dynamische Sichtbarkeit
Geschäftlicher Nutzen
Datensouveränität bedeutet auch die Kontrolle über interne Informationsflüsse. Ein häufiges Hindernis für den breiten KI-Einsatz ist die Sorge, dass sensible Dokumente durch eine KI-Suche für unberechtigte Mitarbeitende sichtbar werden. C-Level-Verantwortliche benötigen die Garantie, dass das Prinzip der minimalen Rechtevergabe (Least Privilege) konsequent durchgesetzt wird. Es muss sichergestellt werden, dass ein Benutzer nur jene Agenten-Profile und Wissensdatenbanken nutzen kann, die für seine spezifische Rolle freigegeben sind, um interne Datenmissbräuche systematisch zu verhindern.
Konzeptioneller Ansatz
Der Swiss AI Hub implementiert das Modell «Security by Invisibility». Anstatt Benutzern den Zugriff auf nicht autorisierte Funktionen durch Fehlermeldungen zu verweigern, passt sich die Benutzeroberfläche dynamisch an die Berechtigungen an. Dienste, Sammlungen oder Agenten-Profile, für die keine Zugriffsrechte bestehen, sind in der Oberfläche schlichtweg nicht vorhanden.
Dieser Zero-Trust-Ansatz stellt sicher, dass die KI-Agenten unabhängig von den Benutzerberechtigungen agieren. Ein Agent erbt nicht die Rechte des Benutzers, sondern greift auf Daten basierend auf seiner eigenen, administrativ festgelegten Konfiguration zu. Die Kontrolle erfolgt somit auf der Ebene der Agenten-Interaktion: Wer darf mit welchem Agenten sprechen? Dies vereinfacht die Governance drastisch, da nicht Millionen von Dokumentenberechtigungen mit der KI synchronisiert werden müssen.
Technische Umsetzung im Swiss AI Hub
Das Berechtigungssystem basiert auf einer hierarchischen Punkt-Notation im Format aihub.[user|admin].<service>.<resource>.<id>. Ein zentraler «Access Checker» im Backend validiert jede Anfrage gegen die Rollen des Benutzers und die Grenzen des Mandanten.
Durch die Unterstützung von Wildcards wie * (einzelne Ebene) oder > (rekursiv) können komplexe Organisationsstrukturen effizient abgebildet werden. Die Authentifizierung erfolgt über standardisierte Protokolle wie OIDC oder OAuth2, was die nahtlose Integration bestehender Identitätssysteme wie Azure AD oder Keycloak ermöglicht. Da die Berechtigungsprüfung im Backend stattfindet, sind Manipulationen an der Benutzeroberfläche wirkungslos; der Benutzer erhält lediglich einen gefilterten Dienstkatalog, der exakt seinem Autorisierungslevel entspricht.
Modell-Agnostik und proaktiver Datenschutz
Geschäftlicher Nutzen
Die Abhängigkeit von einem einzelnen KI-Anbieter stellt ein erhebliches strategisches Risiko dar. Preisänderungen oder geopolitische Verschiebungen können die Verfügbarkeit kritischer Funktionen gefährden. Zudem ist das unmaskierte Senden von personenbezogenen Informationen (PII) an externe APIs oft ein direkter Verstoss gegen das revDSG. Unternehmen benötigen eine Architektur, die als Schutzschild fungiert: Sie muss Modell-Provider austauschbar machen und sicherstellen, dass sensible Daten anonymisiert werden, bevor sie das kontrollierte Netzwerk verlassen.
Konzeptioneller Ansatz
Der Swiss AI Hub fungiert als intelligenter Mediator zwischen den Geschäftsanwendungen und den KI-Modellen. Durch die Abstraktion aller Modell-APIs hinter einer einheitlichen, OpenAI-kompatiblen Schnittstelle bleibt die Organisation technologisch agil. Ein Wechsel des Anbieters erfordert keine Änderung am Anwendungscode, sondern lediglich eine Anpassung im zentralen LLM-Gateway.
Zum Schutz der Privatsphäre wird das Konzept der «Anonymisierung an der Quelle» angewandt. Bevor eine Anfrage an einen externen Provider delegiert wird, scannt das System den Inhalt auf sensible Muster. Diese werden entweder maskiert oder die Anfrage wird bei hochsensiblen Datenkategorien komplett blockiert. Dies ermöglicht die Nutzung leistungsfähiger Cloud-Modelle, ohne die Compliance-Richtlinien zu verletzen.
Technische Umsetzung im Swiss AI Hub
Das LLM-Gateway nutzt LiteLLM für das intelligente Routing und die Kostenkontrolle. Integrierte «Guards» ermöglichen eine Echtzeit-Validierung von Ein- und Ausgaben. Der PII-Schutz wird durch die Integration von Presidio realisiert, wobei Administratoren zwischen einem Maskierungsmodus (Ersetzung durch Platzhalter wie [PERSON]) und einem Blockierungsmodus (Abweisung der Anfrage) wählen können.
Zusätzlich bietet die Plattform Schutzmechanismen auf Agenten-Ebene, die Antworten filtern, falls diese sensible Informationen aus internen Wissensdatenbanken enthalten könnten. Diese mehrstufige Verteidigung («Defense-in-Depth») stellt sicher, dass sowohl Benutzereingaben als auch KI-generierte Antworten stets den Sicherheitsvorgaben entsprechen.
Langzeit-Verfügbarkeit und Deep Observability
Geschäftlicher Nutzen
Investitionen in KI-Infrastrukturen müssen langfristig gesichert und revisionssicher sein. Entscheidungsträger müssen jederzeit nachweisen können, warum eine KI eine bestimmte Entscheidung getroffen hat, ohne dabei die Hoheit über die Log-Daten an externe Monitoring-Anbieter abzugeben. In regulierten Branchen ist diese Erklärbarkeit keine Option, sondern eine gesetzliche Pflicht. Ein System, das auf offenen Standards basiert, bietet hier die Gewissheit, dass das Unternehmenswissen nicht in proprietären Datensilos gefangen ist und Audits jederzeit erfolgreich bestanden werden können.
Konzeptioneller Ansatz
Die Transparenz der Plattform basiert auf dem Einsatz von OpenTelemetry (OTel), dem Industriestandard für Observability. Dies garantiert, dass sämtliche Telemetriedaten – also Metriken, Logs und Traces – vollständig im Besitz des Kunden bleiben. Die Architektur ermöglicht eine «Deep Observability», bei der jeder Schritt eines Agenten-Workflows, jeder Datenbankzugriff und jeder Modellaufruf präzise dokumentiert wird. Compliance wird so von einer manuellen Prüfaufgabe zu einer automatisierten Systemeigenschaft, die auch Anforderungen wie das «Recht auf Vergessenwerden» durch definierte Löschzyklen unterstützt.
Technische Umsetzung im Swiss AI Hub
Die Plattform implementiert Distributed Tracing über alle Komponenten hinweg. Dabei werden «OpenInference Semantic Conventions» genutzt, um KI-spezifische Details wie Token-Verbrauch und abgerufene Dokumente sichtbar zu machen. Der OpenTelemetry Collector ermöglicht duale Datenströme: Während eine Pipeline detaillierte Traces für die Analyse an die lokale Phoenix-Instanz liefert, sendet eine zweite Pipeline gefilterte operative Daten an Langzeitspeicher oder bestehende Enterprise-Monitoring-Tools wie SigNoz oder Dynatrace.
Da alle Daten, einschliesslich der Vektoreinbettungen und Konfigurationen, in offenen Formaten (z. B. PostgreSQL/Milvus) gespeichert werden, ist ein Export oder Systemwechsel jederzeit ohne proprietäre Werkzeuge möglich. Dies eliminiert das Risiko eines Vendor-Lock-ins und sichert die strategische Handlungsfähigkeit der Organisation über den gesamten Lebenszyklus der Plattform hinweg.
